Nr. 12 | Kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell ohne Digitalisierung

Was IT-Unternehmer vor ihrem drohenden Untergang bewahrt
12.03.2018 17:00 Uhr | Villa Boveri

Was Unternehmen heute von ihren IT-Partnern erwarten

Wie soll ein Warenhaus wie Manor auf Amazon und Zalando reagieren? Und welche Tipps hat ein Start-up wie Peax, um eine Digitalisierungsstrategie umzusetzen? Eine Veranstaltung in Baden hat diese Fragen beantwortet und aufgezeigt, welche Anforderungen KMUs heute an ihre IT-Partner stellen.

"Kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell ohne Digitalisierung" – so lautete das Thema der neuesten Focus-on-Future-Veranstaltung in Baden. Sie fand am 12. März in der Villa Boveri statt. Die Organisatoren von Focus on Future sind Urs Prantl, Geschäftsführer des IT-Beraters KMU Mentor, und Oliver Wegner, Inhaber und CEO von Evolutionplan.

Manor-CIO Markus Guggenbühler zeigte auf, wie das Warenhaus die Herausforderungen der Digitalisierung meistert und wie sich die Erwartungen des Detailhandels an seine IT-Partner verändert haben. Anwesend war auch Bruno Kaiser, CTO des noch jungen Unternehmens Peax. Die Luzerner Firma bietet einen digitalen Briefkasten an, der Post empfangen, Rechnungen bezahlen und Adressänderungen vornehmen kann.

Wenn Partner Konkurs gehen

Manor holte Guggenbühler 2015 von Valora zurück ins Boot. Er war schon zuvor bei Manor aktiv, 16 Jahre lang, als Head Supply Chain Systems. Seit einem Jahr ist er beim Warenhaus erneut verantwortlich für die Lieferkette. Als Guggenbühler bei Manor begann, gab es noch keine Standardsoftware.

1992 habe Manor mit einer Firma aus England ein Warenwirtschaftssystem bauen wollen – doch sie ging Konkurs. Später geschah das Gleiche mit einem Unternehmen aus Schlieren. Guggenbühler lernte schon früh: Partnerschaften sind heikel – speziell mit IT-Lieferanten. Manor setzte nach dieser Erfahrung auf Eigenentwicklungen. Jetzt müsse er den "alten Scheiss" wieder ablösen, witzelte Guggenbühler in Baden.

Neue Konkurrenz aus dem Internet

Manor ist ein klassischer Retailer der Genfer Maus Frères Holding. Allerdings ein grosser, mit über 60 Warenhäusern, 30 Supermärkten und 40 Restaurants. Die Läden von Manor seien hierzulande etabliert. In 80 Prozent der Schweizer Regionen sei man in 15 Minuten in einem Manor-Warenhaus, so Guggenbühler.

Lange ging alles gut – dann kamen Amazon und Zalando. Amazon liefert seit 2015 gratis, Zalando schickte allein letztes Jahr 9,5 Millionen Pakete in die Schweiz. Auch Manor spürt die neue Konkurrenz. Das Warenhaus habe aber einen Vorteil: "Amazon will nun in den stationären Handel – wir sind schon da", sagte Guggenbühler. Der stationäre Handel werde nicht verschwinden, aber er wandle sich.

Neue Rollen für IT und Partner

Wie kann Manor in diesem Umfeld Erfolg haben? "Wir müssen Online und Offline richtig verknüpfen und den Kunden an jedem Touchpoint abholen", so Guggenbühler. Das Warenhaus von heute müsse ein Erlebnis- und Omnichannel-Hub sein. Die Grundlage für den Wandel seien Informatik und Daten. Sie würden helfen, den Kundenservice zu verbessern und das Sortiment besser zu steuern.

Die IT-Organisation habe bei Manor eine "businessorientierte Beratungsrolle" und müsse ihre Lösungen in die Umgebung der Anwender integrieren. "Digitalisierung war schon immer das Kerngeschäft der IT", sagte Guggenbühler. Manor sei nun dabei, im Rahmen des Projekts Omnia seine ERP- und CRM-Systeme in die Cloud zu bringen. Das Unternehmen setzt dafür auf Technologien von Microsoft.

Von den Partnern erwartet Guggenbühler, dass sie Modelle für die Zusammenarbeit anbieten, die flexibel skalieren. Die Zeit, in der Manor fixe IT-Dienstleistungsverträge über eine Laufzeit von vier Jahren abschliesse, sei vorbei. Die Partner müssten etwa in Pilotprojekten bereit sein, einen Teil des Risikos mitzutragen. Manor sei zum Beispiel nicht bereit, Lizenzen zu kaufen, um einen Prototyp zu testen. "Unsere Partner müssen Ideen einbringen und uns aufzeigen, wie wir rund um unsere Kernkompetenzen weitere Prozesse digitalisieren können", sagte Guggenbühler.

Digitale Postbox und Cloud-Integrator

Bruno Kaiser stellte Peax vor. Das Unternehmen ging aus Base-Net Informatik aus Sursee hervor, das seit 2000 zwei traditionelle Fat-Client-Applikationen entwickelte: Wincredit für das Kreditmanagement und das Schulverwaltungssystem Educase. Base-Net machte aus Peax 2015 eine eigenständige Firma. Heute baut diese Lösungen auf Basis offener Technologien und beschäftigt rund 30 Mitarbeiter.

Peax biete eine digitale Postbox an, die den physischen und elektronischen Empfang von Dokumenten auf unterschiedlichen Kanälen ermöglicht. Kunden könnten so ein digitales Lebensarchiv aufbauen. Das Unternehmen baut einen Servicekatalog mit diversen Funktionen auf, unter anderem Scanning, E-Mails, digitale ID, Benachrichtigungen, Drucken, SMS, Bezahlungen und Adressvalidierungen. Peax bündelt diese Funktionen in Prozesse und kann so Dienste wie Onlinekontoeröffnungen, Kreditanfragen und Weihnachtskarten anbieten. In diesem Sinne sei Peax auch ein Cloud-Integrator, so Kaiser.

Digitalisierung verlangt neue Fähigkeiten

"Der Wechsel auf Webapps ist hart. Wer ihn nicht schafft, wird untergehen", sagte Kaiser. Für Entwickler, die jahrelang Desktop-Apps für Windows bauten, seien Webapps eine Herausforderung. "Bei der UBS sagten wir damals, dass wir nicht Digital Edge sein wollen", erklärte Kaiser, der nach seinem Informatikstudium fünf Jahre im System Engineering der Bank arbeitete. Heute sei das anders und die UBS setze stark auf die Digitalisierung. "Sie muss, sonst holen andere über Skaleneffekte die Kunden ab."

Die Digitalisierung finde schon seit Mitte des letzten Jahrhunderts statt, sagte Kaiser. Gordon Moore formulierte das Mooresche Gesetz im Jahr 1965, und die IT-Branche sei selbst stark betroffen von der Digitalisierung. Es gehe dabei nicht nur um die Cloud, sondern auch um neue Geschäftsmodelle und neue Fähigkeiten.

Konzepte wie Middleware, Virtualisierung, Container und Microservices distanzierten die Entwicklung weiter von der Hardware. Stattdessen gebe es nun IaaS, PaaS und SaaS, sagte Kaiser. Er rät Firmen, Cloud-native Ansätze zu meiden. "Das ist die zukünftige Legacy, denken Sie Multicloud!" Viele Start-ups hätten gute Lösungen, würden aber nur von APIs und Schnittstellen reden. Die analoge Welt werde aber wichtig bleiben. "Wir können nicht erzwingen, dass unsere Partner unsere API nutzen", sagte Kaiser.

Partner statt Offshoring

Peax wolle nun in kleinen, evolutionären Schritten vorwärtsgehen und weiter auf Lösungen setzen, die sowohl physisch als auch digital funktionieren. Rentabel sei Peax noch nicht. "Aber es sieht gut aus mit den Erträgen", sagte Kaiser. Er sei zuversichtlich, dass Peax in einem Jahr den Break-even-Punkt erreichen könne.

Unternehmen riet Kaiser, Vendor-Lock-ins unbedingt zu vermeiden, auf offene Technologien zu setzen und wichtiges Know-how inhouse zu halten, um die Komplexität der Märkte meistern zu können. "Offshoring ist keine Lösung, sondern ein Workaround", sagte Kaiser. Es könne sich bei grossen Salärunterschieden zwar lohnen, langfristig seien die Kosten aber hoch. Für die meisten Firmen sei es besser, stattdessen auf Partnerschaften zu setzen. "Interessant sind Partner, die gemeinsam mit uns die Peax-Lösung weiterentwickeln", sagte Kaiser.

Quelle, IT-Markt online und Netzwoche online vom 14.03.2018, Autor Marcel Urech.

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