Die Zukunft der Business Software

«Warum die Schweizer Digitalisierung lahmt»

Wie sieht eigentlich die Zukunft der Business-Software aus? Und warum will es in der Schweiz nicht so richtig klappen mit der Digitalisierung? Die Veranstaltung "Focus on Future" in der Villa Boveri in Baden hat Antworten geliefert.

Gestern war es wieder mal so weit. In Baden fand ein weiteres Focus on Future statt. Urs Prantl, Geschäftsführer des IT-Beraters KMU Mentor, und Damian Suter, Inhaber der Agentur Captiva, blieben ihrer Erfolgsformel treu: hochkarätige Speaker, überschaubarer Rahmen, geschichtsträchtiger Veranstaltungsort. Das ist gut so - das Format hat sich bewährt, und auch die jüngste Ausgabe der Abendveranstaltung war ein voller Erfolg.

Stoff zum Nachdenken

Nachdem in der Villa Boveri bereits über Geschäftsmodelle in der Cloud, unberechenbare Manager und Trends aus dem Silicon Valley diskutiert wurde, war gestern das Thema Business-Software an der Reihe. Die Veranstalter luden dafür zwei Referenten ein, die sich mit dem Thema bestens auskennen: Claudio Hintermann, CEO von Abacus, und Rolf Schumann, CTO Europa bei SAP. Hintermann gründete vor über 30 Jahren gemeinsam mit zwei Studienfreunden die Softwarefirma Abacus. Und Schumann hat über 20 Jahre Erfahrung in der strategischen Planung von IT-Landschaften, SAP-Implementierungen, Technologie- und Innovationsprojekten.

Bevor die beiden Referenten aber loslegten, begrüsste Prantl das Publikum und sprach zwei Trends an, die gerade unser Leben umkrempeln: Alles wird digitalisiert, und neue Geschäftsmodelle stellen ganze Märkte auf den Kopf. "Weiter wie bisher ist keine Option", sagte Prantl. Dann winkte er den ersten Referenten auf die Bühne, Hintermann vom "Schweizer SAP" Abacus. Dieser lieferte ein unterhaltsames Impulsreferat, das zum Nachdenken anregte.

Mensch vs. Maschine

Hintermann wies auf einen entscheidenden Unterschied zwischen Mensch und Maschine hin: Der Mensch muss mit dem Lernen immer wieder von vorne beginnen, während neue Maschinen-Generationen das schon vorhandene Wissen auf dieser Welt einfach übernehmen können. "Logisch, dass da der Mensch nicht mehr nachkommt."

fof claudio hintermann

"Meine Kinder sprechen schon jetzt 3,5 Sprachen", sagte Hintermann. "Aber in 10 Jahren bringt das ihnen nichts mehr." Darum müsse sich jedes Individuum und jedes Unternehmen fragen, wie es relevant bleibe. Nach dieser Einleitung sprach Hintermann über Business-Software. Genauer: Über die Digitalisierung in der Schweiz, die einfach nicht richtig vorankommt.

Lahme Schweizer Digitalisierung

"PDFs zu verschicken, heisst in der Schweiz Digitalisierung", sagte der Abacus-CEO. Das sei unsinnig, da die XML-Spezifikation PDF/A ja eigentlich maschinenlesbare Daten erzeuge. Die Schweiz sei hier weit hinter Europa zurück. Es existiere kein normierter E-Invoicing-Standard, man brauche für alles eine digitale Signatur und zusätzliche Infrastruktur. Nicht so in Deutschland: Da gebe es mit Zugferd eine Spezifikation für elektronische Rechnungen, die keine Signatur benötige und auch international verstanden werde.

In der Schweiz sei die digitale Rechnung sogar teurer als die Papierrechnung, sagte Hintermann. Die Situation veranlasste Abacus, künftig ebenfalls auf den Zugferd-Standard zu setzen. Die ERP-Lösungen von Abacus sollen ab V2017 zudem E-Bilanzen auf Basis der vorläufigen XBRL-CH-Taxonomie liefern. "Digitalisierung ohne Standardisierung geht nun mal nicht", schloss Hintermann.

Menschen und Prozesse, nicht Technik

Nach Hintermann referierte Schumann, frei und unterhaltsam. Seine These: Wer heute erfolgreich sein wolle, müsse Standards schaffen und das Verhalten von Menschen und Maschinen verändern. Eine gute Technologie reiche dafür nicht. "Digitale Transformation ist Marketing, es hat nichts mit Technik zu tun", sagte Schumann.

fof rolf schumann

Firmen würden meist dann innovativ werden, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stünden. Da der Leidensdruck in der Schweiz noch nich so gross genug sei, gehe die Digitalisierung nur schleppend voran, sagte Schumann. Das Paradebeispiel sei der Handel, der schon lange mit tiefen Margen kämpfe. Aber man überlebe ja - warum also innovativ sein?

Die richtigen Fragen stellen

Smart Data sei nur smart, wenn man die richtigen Fragen stelle. Und Smart Data bringe überhaupt nichts, wenn man Prozesse nicht in den Griff kriege. Als Beispiel für diese These nannte Schumann ein SAP-Projekt im Hamburger Hafen, auf dem täglich bis zu 8000 LKWs unterwegs sind. 2014 schlug der Hafen rund 9 Millionen Container um, bis 2025 sollen es 18 Millionen sein. Ist das überhaupt möglich? Ja, sagte Schumann. SAP habe den Hafen mit Sensoren für das Internet der Dinge vollgestopft, und so die Kapazitäten massiv erhöht.

fof podium

Im Anschluss an die Impulsreferate diskutieren die Referenten mit den Softwareunternehmern Thomas Brändle, CEO von Run my Accounts, und Luc Haldimann, CEO von Unblu und Vorstandsmitglied von SwissICT. Oliver Wegner moderierte die Diskussion. Die Veranstaltung endete mit dem abschliessendem Networking beim Apéro.

 

Quelle, IT-Markt online vom 27.09.2016, Autor Marcel Urech und Netzwoche online vom 27.09.2016, Autor Marcel Urech